BASF Global   |    E-Commerce   |    English   |   Kontakt       
  »  suchen
Regionen
Zurück
Presse-Informationen

Wunder auf solidem Boden

„Wirtschaftswunder aus dem Osten“, so preisen die Thüringer die Multicar Spezialfahrzeuge GmbH aus Waltershausen. Wo in den Jahren seit der Wende über 60.000 Firmen aus den neuen Ländern Insolvenz anmeldeten, ist der Fahrzeughersteller zum Vorzeigeobjekt geworden. Den Grundstein für den Erfolg legte das Unternehmen schon in Vorwendezeiten.

„Dieser Lauf kann nicht erschöpfen. Die Eindrücke rechts und links der Strecke sind viel zu spannend, um zu ermüden.“ Gelassen spricht er vom Marathonlauf in New York. Vielleicht ist es die Gelassenheit desjenigen, der die Strecke bewältigt hat, der weiss, dass er es kann, der die Tiefen eines Laufs überwunden hat und jetzt am Ziel ist. Der Läufer Matthias Cramer ist zu Hause. „Zu Hause“, den Begriff verwendet er gerne. Zum Beispiel um zu beschreiben, was er empfindet, wenn er morgens an seinen Arbeitsplatz kommt. Hier an den Ausläufern des Thüringer Waldes erstreckt sich auf etwa zwei Quadratkilometern die Welt des Matthias Cramer, Chefkonstrukteur bei der Multicar Spezialfahrzeuge GmbH in Waltershausen, Thüringen.

Vorzeigeunternehmen
Selbstbewusst ragt die Schautafel über das Gelände, „Multicar – das Wirtschaftswunder“. Eine Art Markenzeichen haben die Thüringer daraus gemacht. Wer hier vom Wirtschaftswunder spricht, der spricht von Multicar. Dabei entsteht hier kein Auto, das elektrisiert wie der VW Käfer, oder Legenden schafft wie ein Ferrari. Ja, nicht einmal seine Existenz ist jedem bewußt. Ein Multicar wirkt im Unbewussten und ist aus dem Alltag kaum wegzudenken. Es ist das kleine zumeist orangefarbene Fahrzeug, das Kommunen einsetzen, um Strassen zu reinigen, Grünflächen zu bewirtschaften, Bauarbeiten auszuführen oder das auf Flughäfen genutzt wird, um Gepäckwagen zu schleppen. Und damit sind nur die wenigsten Aufgaben genannt, für die ein Multicar eingesetzt wird. 27.000 der kleinen Alleskönner waren 2002 auf den deutschen Strassen zugelassen.


Dennoch, was hier in Waltershausen in den vergangenen Jahren geschehen ist, lässt sich ein Wunder nennen. Zumindest der gemeinen Definition nach. „Ein Wunder ist ein Ereignis, das Staunen hervorruft, das unerwartet und unberechenbar auf den Menschen zukommt,“ sagt der Fachmann. Demzufolge ist es ein Wunder, haben doch seit Wendezeiten weit über 60 000 Unternehmen aus den neuen Ländern Insolvenz angemeldet. Das Wunder relativiert sich aber, denn Multicar war schon vor Wendezeiten ein Vorzeigeunternehmen. In den für den Westexport bestimmten Fahrzeugen verwendeten die Thüringer Ingenieure schon damals Originalbauteile von Unternehmen wie Bosch und Rexroth. Etwa acht Prozent der Produktion gingen damals nach Westeuropa. „Wir hatten ein verkaufbares Produkt“ erklärt Cramer, warum das Unternehmen dem Schicksal vieler anderer Treuhandbetriebe entkam. Dass hier „russische Technologien“ zum Einsatz kamen, war ein folgenreiches Fehlurteil, vor dem auch Unternehmen wie DaimlerChrysler nicht gewappnet waren.

„Keine Chance auf dem europäischen Markt“
Rückblick: Der Volkseigene Betrieb (VEB) Fahrzeugwerk Waltershausen ist 1990 Bestandteil des Kombinats Nutzkraftwagen. Zum Kombinat gehören unter anderem noch das Automobilwerk Ludwigsfelde, die Motorenwerke Nordhausen und Cunewalde, die Firma Robur Zittau und einige andere Lieferanten von Komponenten. „In der Belegschaft hatten viele schon den Stern in den Augen“ beschreibt Cramer die Gefühle seiner Mitarbeiter als zunächst eine Expertenschar des Daimlerkonzerns in Waltershausen erscheint und „mit vielen Unterlagen unterm Arm aus dem Haus ging“. Doch das Interesse erlischt schnell. „Keine Chance auf dem europäischen Markt“, so die Meinung der Stuttgarter Autoexperten. Dass diese Einschätzung dem künftigen Marktführer für Kommunal - und Spezialfahrzeuge bis 5 Tonnen Gesamtgewicht galt, ahnte niemand. Denn schon wenige Jahre nachdem die Geschäftsführer Walter Botschatzki und Manfred Windus 1991 im Rahmen eines Management-Buy-Outs, 25 Prozent an Multicar erwerben, schreiben die Thüringer schwarze Zahlen. „Unser Vorteil“ so Cramer weiter, „war nicht nur ein verkaufbares Produkt, sondern auch unsere Fertigung, die wir schon zu Vorwendezeiten auf effiziente Bandmontage ausgelegt hatten.“ Eine Kombination mit der die Firma Mitte der 90er Jahre ihren Nischenmarkt gefunden hatte und damit das Interesse potenzieller Käufer hervorrief, wie der Hako-Gruppe. 1998 steigt Hako als Mehrheitsgesellschafter ein und stellt die Weichen auf Expansion. Von DaimlerChrysler kaufen die neuen Eigentümer zunächst den bekannten Unimog UX 100. Mit dem Engagement von Hako tankt der Thüringer Traditionsbetrieb nicht nur Finanzkraft, sondern auch Know how im Verkauf und funktionierende Vertriebskanäle.

Auftragsbezogene Fertigung
Cramer weiß, dass das auch nötig war. Bis zur Wende im Jahr 1990 waren die Thüringer Verteilungswirtschaft gewohnt. Rund 9.000 Modelle jährlich verließen in den 80er Jahren die Waltershausener Produktionsstätten. „Damals war Vertrieb keine Herausforderung für uns, denn 80 Prozent der Fahrzeuge verteilte unsere Planwirtschaft in Osteuropa,“ erinnert er sich lächelnd an alte Zeiten. Wie die Hochs und Tiefs eines Marathonlaufs spiegelt sich für ihn der Werdegang Multicars im Wandel der Geschichte. Zu DDR-Zeiten arbeiteten rund 1100 Menschen auf dem Werkgelände, heute 13 Jahre später sind es noch 240. Das schnelle Vorurteil der in Massen in die Arbeitslosigkeit entlassenen Mitarbeiter bestätigt sich jedoch nicht. Fast alle hätten die nahegelegenen Eisenacher Produktionsstätten von Opel und deren Zulieferbetriebe „mit Kusshand“ übernommen, da es sich um qualifizierte Fachkräfte handelte.

Heute verbirgt sich hinter dem Traditionsbetrieb der europäische Marktführer für Spezialfahrzeuge und kompakte Geräteträger in der Fahrzeugklasse bis 5 Tonnen Gesamtgewicht. Multicars fahren nicht nur in Deutschland, sondern auch zwischen China und Großbritannien, Slowenien und Norwegen. Dabei produzieren die Kollegen Cramers in Walterhausen nur, was der Markt benötigt. Die Fertigung erfolgt nur auftragsbezogen. Endlos scheinende Parkplätze mit unendlichen Fahrzeugkolonnen, bekannt von vielen PKW-Herstellern, Fehlanzeige. „Wirtschaftswunder“ prangt dafür in großen Lettern über dem Gelände. Ein Wunder, das bisweilen auch von bundesdeutscher Realität ein geholt wird. Klamme Kassen in den Kommunen, dem größten Abnehmer für Multicars, sorgten dafür, dass der Umsatz von über 60 Millionen Euro im Jahr 2000 auf mittlerweile etwa 50 Millionen Euro in 2002 zurückgegangen ist.

Die Vereinigung von Kunststoff und Stahl
Wo ist das Klick-Klack der automatisierten Greifarme? Wo ist das laute Summen der Maschinen? Hier in der Produktionshalle, in der die Fahrzeugkabine des Multicars gebaut wird, ist nichts zu hören und nichts zu spüren von der Atmosphäre, die der Betrachter in einer Produktionshalle erwartet. Ruhig geht es hier zu. Mit konzentriertem Blick betrachtet Cramer jeden Produktionsschritt. Ein Mitarbeiter fügt die tiefgezogenen Kunststoffbauteile aus dem BASF-Kunststoff Luran® S in die Fertigungsvorrichtung ein. Der Greifarm führt die Kunststoffbauteile, die zuvor mit Klebstoff versehen wurden an das Stahlgerippe der Fahrzeugkabine, um Kunststoff und Stahl miteinander zu vereinen. In die verbleibenden Abstände zwischen den Materialien fügt ein zweiter Mitarbeiter Fugenmasse ein. Space- Frame-Technologie nennt sich diese Vereinigung von Kunststoff und Stahl, mit der Cramers Ingenieure die schwereren und teureren Bauteile aus Stahl ersetzen. Nichts ist hier von der Massenfertigung eines Standardproduktes zu sehen. Der Multicar ist eine Spezialität, und genau so fertigen ihn die Thüringer. Jedes Fahrzeug ist individuell, exakt auf Kundenwünsche abgestimmt – und das in über 100 Varianten. Wie an einen guten, alten Freund lehnt sich Cramer an die halbfertige Fahrzeugkabine und erzählt dabei von der Multicar-Vision: „Wir bleiben auf der Schiene, auf der wir heute fahren. Ein kleiner Anbieter einer Spezialität, die ganz nach Kundenwunsch gefertigt ist.“

Um auch eine Spezialität zu bleiben, sind die Waltershausener Ingenieure bisweilen gezwungen, ungewöhnliche Wege zu gehen. Technische Anforderungen wie Anti-Blockier-System oder Euro-III-Motor, neue Designvarianten, immer kleinere Stückzahlen – die Gesetzmässigkeiten der Automobilbranche machen nicht halt vor den Toren Multicars. Für das neue Modell, dem FUMO, waren Werkstoffe und Fertigungstechniken gesucht mit denen sich diese Anforderungen realisieren und gleichzeitig Kosten einsparen lassen. „Weil Großprägewerkzeuge für Blechteile sehr teuer sind, kamen wir auf die Alternative Kunststoff und die damit verbundene Space-Frame-Technologie,“ erinnert sich Jan Stephan, Projektingenieur für die Fahrzeugkabine.

Die Suche nach dem richtigen Kunststoff
Von der Idee hin zur Umsetzung ist es ein steiniger Weg. Größtes Problem zu Beginn: Die unterschiedlichen Ausdehnungskoeffizienten der Materialien. Versuche in der Kältekammer und in der Wärmekammer zeigen, dass die Materialien sich um etwa 5 Millimeter unterschiedlich ausdehnen. Ein Abstand, den der verwendete Kleber nicht nur überbrücken, sondern auch aushalten muss. Den Spalt dichten die Entwickler mit einer Fugenmasse ab. Es folgt die Suche nach dem geeigneten Kunststoff. Dabei ist gerade für Karosseriebauteile extreme Witterungsbeständigkeit gefordert. Welches Produkt eignet sich am besten für eine Technologie, die dem Fahrzeugbau einerseits neue Wege öffnet andererseits aber Kenntnisse erfordert, die ein klassischer Stahlverarbeiter wie Multicar noch nicht hatte? Die Techniker aus Thüringen stießen auf Luran® S, einer Spezialität aus dem Styrolkunststoffsortiment der BASF. Matteo Uslenghi, Business Manager Luran® S bei der BASF, weiß warum: „Gerade im Fahrzeugbau ist Luran® S nicht unbekannt. Der Werkstoff hat gezeigt, dass er mindestens gleichwertig zu Stahl ist, und dabei gewichtssparend, witterungsbeständig und korrosionsfrei ist.“ Ist das passende Produkt gefunden, geht es an die Farbabstimmung, denn die Anmutung zwischen der Lackierung auf Stahl oder Kunststoff ist unterschiedlich. „Diese Farben aufeinander abzustimmen, war die Herausforderung,“ sagt Stephan. Im nächsten Schritt bauten die Thüringer insgesamt 8 Prototypen, die sie von nun an auf Herz und Nieren prüften. Nachdem die Fahrzeuge den Test bestanden haben, ging es ans Design. Fünf Jahre vergingen so von der Idee bis hin zur Serienfertigung des neuen FUMOs. Heute sind B-Säule, Dach, Kabinenrückwand und Frontklappe aus dem BASF-Material. Mittlerweile fertigt Multicar auch die hintere Tür im FUMO-Doppelkabiner aus Luran® S.

Kunststoffe im Automobilbau einzusetzen, da ist nach Cramers Auffassung noch vieles nicht ausgereizt. Kraftstoff- und Hydrauliktank, Kotflügel oder Stoßstange sind für die Waltershausener nur ein Anfang. „Gerade wenn es um modernes Design geht, werden wir auf die Gestaltungsvielfalt des Werkstoffes setzen müssen.“ Dass sein FUMO heute ein modernes Design habe, das Cramer „rundgelutscht“ nennt, das habe zum Großteil die Verwendung von Kunststoff ermöglicht.

Der Hauch von Nostalgie
So wie er da steht, wäre dem Lastesel aus Thüringen kaum zuzutrauen, dass er auf eine mittlerweile 47jährige Modellgeschichte zurückblickt. 1956 erblickte er das Licht der Welt in Form eines dieselbetriebenen Kraftfahrzeugs, dem „Dieselkarren DK 3“, 1958 heißt sein Nachfolger schon Multicar 21. Eher an eine Lokomotive auf Rädern erinnert das Modell Multicar 24. Geplant als Zweisitzer ist es doch nur auf den Fahrer zugeschnitten. Die simple Erklärung liefert Cramer gerne mit einem Hauch von Sarkasmus hinterher: „Die Kombinatsleitung beschloss damals, dass die DDR-Industrie kein doppelsitziges Nutzfahrzeug braucht.“

An diese Probleme wird der Ingenieur Arthur Ade aus dem schwäbischen Ravensburgs noch nicht gedacht haben. Damals, 1920, als er begann in Walterhausen die ersten Kutschen und Fahrzeuganhänger zu bauen und damit den Grundstein für die spätere Erfolgsstory aus dem Osten legte. 83 Jahre Geschichte schauen aus dem einstigen Hauptgebäude somit auf den Betrachter herab. Um ein Multicar zu bauen, arbeiten Nostalgie und Moderne heute an vielen Stellen Hand in Hand. Die Fertigungshalle stammt noch aus der Gründerzeit. Weil die Bausubstanz aber mittlerweile zu schwach ist, um die Produktionsbänder des Jahres 2003 zu tragen, wird die Halle durch eine moderne Trägerkonstruktion im Inneren verstärkt.

Die „Hochzeit“
Dreißig Montageschritte sind es, die ein Multicar hier bis zu seiner Geburt durchläuft. „Die Hochzeit“ nennt Cramer dabei jenen Moment, in dem seine Mitarbeiter Fahrwerk und Fahrzeugkabine zusammensetzen. Kaum ist das Paar vereint, kommt es auf den Prüfstand. Läuft der Motor störungsfrei? Laufen die Räder rund? Machen die Bremsen ein Geräusch zu viel? Dem Gehör Cramers entgeht nichts. Kein Knarzen, kein Stottern darf mehr die letzten Meter auf dem Weg durch die Montagestrasse stören. Insgesamt vier Stufen der Qualitätskontrolle durchläuft ein Multicar, bis sich vor ihm das Tor hinaus auf das Werkgelände öffnet.

Energisch reiht sich der neugeborene Kraftprotz sogleich in eine Reihe mit vielen anderen unterschiedlichsten Modellen seiner Art. Sie strotzen vor Dynamik, Kraft und Energie, sind Symbol des „Wirtschaftswunders aus dem Osten“. Matthias Cramer macht jedoch kein Hehl daraus, dass das Wunder auf einem recht soliden Boden steht. Der Chefkonstrukteur und leidenschaftliche Marathonläufer kann sein stolzes Lächeln nicht unterdrücken als er vor dem gerade erst von der Montagestrassen gefahrenen Multicar eingesteht: „Die im Multicar eingesetzten Getriebe wurden von Porsche mitentwickelt.“



Produktinformationen sind unter
www.luran-s.de und www.multicar.de zu erhalten


Diesen Text herunterladen (Word-Document 140 KB)





nach oben
Drucken


     
  Disclaimer     Copyright 2004    BASF Aktiengesellschaft